Wie sich Anexia von einem US-Softwarekonzern digital souverän machte
Wie wichtig diese Unabhängigkeit ist, zeigte sich 2024: In vier Monaten löste sich Anexia aus der Abhängigkeit eines US-Softwarekonzern und baute eine eigene Open-Source-Lösung.

Wer nach einer AWS-Alternative aus Europa oder einem europäischen Cloud-Anbieter ohne Cloud Act sucht, stößt schnell auf eine zentrale Frage: Was passiert, wenn die technologische Basis der eigenen Infrastruktur von einem außereuropäischen Konzern kontrolliert wird – und dieser die Spielregeln ändert? Der Fall Anexia liefert darauf eine konkrete Antwort.
Der Auslöser: ein gekündigter Vertrag, zwei Tage vor Weihnachten
Wie viele europäische Cloud-Anbieter setzte auch Anexia auf VMware – einen Hersteller von Virtualisierungssoftware, auf dem viele Cloud-Infrastrukturen technisch aufbauen. VMware selbst ist kein Cloud-Anbieter, sondern liefert die Software-Basis dafür – praktisch alternativlos im Markt. 2023 übernahm Broadcom, ein US-Technologiekonzern unter den zehn größten der Welt, das Unternehmen VMware. Zwei Tage vor Weihnachten 2023 kündigte Broadcom bestehende, langfristige VMware-Verträge – mit Wirkung zum 1. Mai 2024. Neue Konditionen brachten Preissteigerungen von bis zum Zwölffachen. Ein Dreijahresvertrag, im Voraus zu zahlen, hätte die Kosten verachtfacht. Für Anexia-Kunden wären dadurch jährliche Zusatzkosten in Millionenhöhe entstanden.
Die meisten betroffenen Unternehmen zahlten. Anexia nicht.
Die Leistung: eine eigene Lösung statt eines teuren Kompromisses
Statt zu verhandeln, stellte sich die gesamte Organisation – damals rund 400 Mitarbeitende – einer einzigen Aufgabe: bis Ende April eine Lösung auf Open-Source-Technologie zu bauen. Ohne Abhängigkeit von einem einzelnen Anbieter. Ohne Erpressbarkeit.
Ein eigens eingerichtetes Notfallteam koordinierte die Migration parallel zum laufenden Betrieb – für die Kund:innen ohne Unterbrechung. Am 30. April 2024, um 23:46 Uhr, war die Migration abgeschlossen: 14 Minuten vor Ablauf, nach rund 100.000 Arbeitsstunden.
Die europäische Souveränität ist unersetzbar.
– Alexander Windbichler, Anexia Group CEO
Was diesen Fall für europäische Unternehmen relevant macht
Der Fall Anexia beantwortet eine Frage, die sich viele Unternehmen bei der Wahl eines Cloud-Anbieters stellen: Welcher europäische Cloud-Anbieter ist seriös genug, um im Ernstfall unabhängig zu bleiben?
Drei Faktoren machen den Unterschied:
- Infrastruktur statt reiner Software-Nutzung. Souveränität entsteht nicht durch eine "Cloud-Region in Europa", sondern durch Kontrolle auf Infrastrukturebene – Anexia betreibt seine Cloud-Dienste heute unabhängig von der Softwarebasis.
- Europäische Rechtshoheit als Grundprinzip. Anexia unterliegt als österreichisches Technologieunternehmen ausschließlich europäischem Recht – nicht dem US Cloud Act.
- Technologische Unabhängigkeit als Prinzip. Anexia baut seine Infrastruktur so, dass kritische Abhängigkeiten vermieden werden.
Fazit
Anexia zeigt, wozu ein europäisches Technologieunternehmen fähig ist, wenn es konsequent auf eigene, offene Infrastruktur setzt statt auf Abhängigkeit von einem einzelnen Anbieter. Digitale Souveränität ist damit keine abstrakte Forderung, sondern gelebte Praxis – bewiesen in vier Monaten, 100.000 Arbeitsstunden und 14 Minuten Vorsprung.
Das vollständige Interview mit Alexander Windbichler ist in der Kleine Zeitung erschienen.


