Digitale Souveränität: Österreichs ergreift die Initiative
Geschrieben am 9. Juli 2026 von Esther FarysCredit: A1 Telekom Austria/APA-Fotoservice/Martin Hörmandinger
Digitale Souveränität ist keine Defensive – sie ist eine Standort-Chance. Mit diesem Anspruch tritt die neue „Initiative Digitale Souveränität“ an. Sieben österreichische Leitunternehmen bündeln darin ihre Kräfte. Sie stammen aus sieben verschiedenen Branchen: A1 Telekom, Anexia, Erste Bank, Keba, SPAR ICS, Umdasch und Vienna Insurance Group. Ihr gemeinsames Ziel: Österreich und Europa technologisch unabhängiger, innovativer und resilienter machen. Dafür setzen sie auf europäische Technologien, europäisches Know-how und europäische Werte.
Anexia Group CEO Alexander Windbichler ist Teil der Initiative. Sein Statement bringt die Kernthese auf den Punkt: „Digitale Souveränität durch Software-Hoheit und technische Entscheidungen.“
Was digitale Souveränität tatsächlich bedeutet
Eine Cloud-Region in Europa ist noch keine digitale Souveränität. Server-Standort und rechtliche Kontrolle sind zwei verschiedene Dinge.
Digitale Souveränität bedeutet: die Fähigkeit, selbst zu entscheiden, welche Technologie ein Unternehmen einsetzt. Ein außereuropäischer Rechtsraum darf dabei keinen Zugriff erhalten – weder auf diese Entscheidung noch auf die zugrunde liegenden Daten. Denn das entsteht nicht auf der Ebene der Cloud-Oberfläche. Es entsteht auf der Ebene der Infrastruktur: bei Software-Hoheit und bei technischer Entscheidungsgewalt.
Das ist auch die zentrale Aussage des Positionspapiers der Initiative: „Digitale Souveränität entsteht nicht allein durch den Betrieb von Rechenzentren in Europa. Sie erfordert wettbewerbsfähige europäische Cloud-Lösungen, faire Wettbewerbsbedingungen gegenüber globalen Plattformanbietern und eine stärkere Nutzung europäischer Angebote durch Wirtschaft und öffentliche Hand.“
Warum diese Allianz – und warum jetzt
Kritische Infrastruktur ist die Grundlage, auf der Verwaltung, Gesundheitswesen, Energieversorgung und Finanzwirtschaft laufen. Wer bei dieser Grundlage von einzelnen, außereuropäischen Anbietern abhängig ist, verliert Verhandlungsmacht. Und wird angreifbar.
Das Positionspapier nennt vier Gründe, warum das Thema jetzt drängt:
Abhängigkeiten von nichteuropäischen Cloud-Anbietern verringern. Europäische Cloud-Lösungen schaffen zusätzliche Wahlmöglichkeiten. Außerdem verbinden sie Datenschutz, Cybersecurity, Rechtsklarheit und Wettbewerbsfähigkeit – nicht als Autarkie oder Abschottung, sondern als bewusste Alternative.
Europas Chancen für Wettbewerbsfähigkeit und Innovation stärken. Gezielte Investitionen in Kapital, Marktzugang und Know-how ermöglichen es europäischen Unternehmen, ihr wirtschaftliches Potenzial voll auszuschöpfen.
Wechsel zu anderen Anbietern ist schwierig und teuer. Proprietäre Softwarelösungen binden Unternehmen und Behörden langfristig, erschweren Innovation und reduzieren Wettbewerb.
Fachkräftemangel im Digitalbereich. Ohne gezielte Ausbildung und attraktive digitale Berufe droht Europa im internationalen Vergleich weiter ins Hintertreffen zu geraten.
Wichtig ist dabei die Abgrenzung, die auch A1-Deputy-CEO Thomas Arnoldner in seinem Statement macht: „Digitale Souveränität bedeutet nicht Abschottung, sondern Wahlfreiheit und europäische Alternativen — besonders bei kritischen Daten. Mit unseren souveränen Cloud-Lösungen, bei denen Daten Europa nicht verlassen, leisten wir dazu bereits heute einen konkreten Beitrag.“
Der regulatorische Vorschlag: Trennung von Netz und Produkt
Windbichler bringt in seinem Statement ein konkretes Modell ein – die Regulierung des Telekom- und Energiemarkts als Vorbild:
Denkbar ist eine Regulierung ähnlich dem Telekom- und Energiemarkt: Dort wurden Netze geöffnet, ohne Produkte vorzuschreiben. Im Cloud-Umfeld bedeutet das beispielsweise offene Schnittstellen und eine klare Trennung zwischen Software und Betrieb.
Übertragen auf den Cloud-Markt heißt das: Infrastruktur und Anwendung werden getrennt betrachtet. Niemand schreibt vor, welches Produkt ein Unternehmen nutzt. Aber der Zugang zur Infrastruktur wird offen und diskriminierungsfrei gestaltet. Das Positionspapier fasst das Ziel so zusammen: ein „Level Playing Field“, das europäischen Anbietern erlaubt, im Wettbewerb auf Augenhöhe zu bestehen.
Auch bei öffentlichen Ausschreibungen sieht Windbichler Handlungsbedarf. Die Bewertungskriterien sollten die Realität einer digital hochvernetzten Welt widerspiegeln. Damit stärken sie das, was Gesellschaft, österreichische Unternehmen und den Standort Europa auf lange Sicht resilienter werden lässt. „Wettbewerb ist ein zentraler Aspekt – und die Spielregeln, nach denen er funktioniert, stellen die Weichen“, so Windbichler. „Wir haben hier vor Ort Potenziale – starke Unternehmen in der digitalen Sphäre – die wie wir als Anexia Group mit Expertise bereitstehen und digitale Souveränität vorantreiben können und wollen.“
Die fünf Punkte der Initiative
Innovation & Wertschöpfung – neue digitale Produkte und Dienstleistungen werden in Europa entwickelt, Arbeitsplätze und Wohlstand entstehen vor Ort.
Sicherheit & Vertrauen – Daten bleiben unter europäischer Kontrolle, Cyberrisiken sinken. Bürgerinnen und Bürger sowie Unternehmen gewinnen dadurch mehr Vertrauen gegenüber digitalen Services.
Unabhängigkeit & Resilienz – Europa wird weniger anfällig für externe Marktmacht und geopolitische Abhängigkeiten, ohne auf globale Vernetzung zu verzichten.
Wettbewerbsfähigkeit – europäische Lösungen werden weltweit konkurrenzfähiger und damit auch exportierbar.
Europäische Werte – Datenschutz, Transparenz und Menschenrechte werden in globalen Technologiestandards verankert.
Was die anderen Partner sagen
Neben Anexia und A1 haben sich alle Unterstützer der Initiative mit eigenen Statements positioniert. Erste-Bank-CEO Gerda Holzinger-Burgstaller verweist auf die Pionierrolle österreichischer Forschung in der Quantensicherheit. KEBA-CEO Christoph Knogler mahnt: Europa darf beim Einsatz künstlicher Intelligenz den Anschluss nicht verlieren. Deshalb setzt er auf On-Device- und On-Edge-KI-Lösungen für unabhängige, erfolgskritische Prozesse. SPAR-ICS-Geschäftsführer Andreas Kranabitl bringt seine Erfahrung als Anwender und Betreiber digitaler Handelslösungen ein. Umdasch-Vorstandsvorsitzender Wolfgang Litzlbauer beschreibt seinen Ansatz als „glokal“ – globale Strategie, lokal umgesetzt, mit größtmöglicher lokaler Wertschöpfung. Und Vienna-Insurance-Group-CIO Harald Schabernack sieht in eigenständigen europäischen Innovationen eine Chance, Kontrolle über Technologie und Daten zu behalten.
Anexia zählt zu den führenden Technologieunternehmen für Cloud Technology und Digital Engineering, verwurzelt in Österreich. Die Anexia Group betreibt eigene Infrastruktur in Europa. Zudem unterliegt das Unternehmen ausschließlich europäischem Recht und schließt extraterritoriale Zugriffsmöglichkeiten strukturell aus. Digitale Souveränität ist bei Anexia keine neue Kampagne, sondern seit Jahren eine der eigenen Verantwortungssphären. Ausdruck dafür ist nicht zuletzt die CISPE-Vorstandsmitgliedschaft von CEO Alexander Windbichler im Handelsverband für europäische Cloud-Provider.
Was das in der Praxis bedeutet, zeigt sich am eigenen Aufbau: 2006 gegründet, eigentümergeführt – und mit Sitz in Österreich. Dazu kommen 500 Mitarbeitende und 210.000 Kunden weltweit. Das Unternehmen betreibt dafür ein globales Netzwerk aus mehr als 100 Rechenzentrumsstandorten in 70 Ländern. Das unterscheidet die Struktur von US-Hyperscalern, bei denen die Konzernmutter selbst US-amerikanischem Recht unterliegt und damit potenziell dem US Cloud Act. Dieses US-Gesetz erlaubt US-Behörden unter bestimmten Voraussetzungen Zugriff auf Daten von Anbietern mit US-Bezug, unabhängig vom Serverstandort. Viele Unternehmen suchen deshalb nach einer europäischen Alternative zu US-Hyperscalern wie AWS oder Azure. Genau hier liegt aber der grundsätzliche Unterschied: Nicht der Serverstandort allein zählt, sondern Eigentum, Rechtshoheit der Konzernmutter und der strukturelle Ausschluss extraterritorialer Zugriffsmöglichkeiten auf europäischer Ebene.
Das im Positionspapier vorgeschlagene „Gütesiegel für Souveränität“ würde diese Unterscheidung künftig auch offiziell sichtbar machen. Ein solches Gütesiegel soll verlässliche Qualitätsstandards im Cloud-Bereich transparent machen und sogenanntem „Sovereign-Washing“ vorbeugen. Davon profitieren öffentliche Beschaffung, Unternehmen und Bürger:innen gleichermaßen.
Für Unternehmen, die diese Eigenständigkeit heute schon strukturell umsetzen wollen, begleitet Anexia Cloud Solutions den Aufbau souveräner Cloud-Architekturen. Das reicht von der Bestandsaufnahme bestehender Abhängigkeiten bis zur resilienten, auditierbaren Infrastruktur ohne proprietäre Lock-ins.
Was als Nächstes passiert
Die Initiative versteht sich als Impulsgeberin. Ihr Positionspapier fließt in den politischen und gesellschaftspolitischen Dialog mit Wirtschaft und Wissenschaft ein. Zusätzlich sind weitere Diskussionsveranstaltungen zum Thema geplant.
Das vollständige Positionspapier der Initiative Digitale Souveränität steht hier zum Download bereit: www.souveraen-digital.at
Häufige Fragen zu digitaler Souveränität
Was bedeutet digitale Souveränität konkret?
Digitale Souveränität bezeichnet die Fähigkeit von Unternehmen, Behörden und Staaten, über ihre digitale Infrastruktur, ihre Daten und ihre Technologieentscheidungen eigenständig zu bestimmen. Ein außereuropäischer Rechtsraum darf darauf nicht zugreifen können.
Reicht eine Cloud-Region in Europa für digitale Souveränität aus?
Nein. Ein Serverstandort in Europa sagt nichts über die rechtliche Kontrolle der Daten aus. Entscheidend sind Software-Hoheit und die Rechtshoheit über den Betreiber der Infrastruktur.
Bedeutet digitale Souveränität Abschottung von globalen Anbietern?
Nein. Sowohl die Initiative als auch Anexia stellen klar: Es geht nicht um Autarkie. Vielmehr geht es um Wahlfreiheit und um europäische Alternativen für kritische Bereiche wie Verwaltung, Gesundheit und Infrastruktur.
Wer steht hinter der Initiative Digitale Souveränität?
Anexia, A1 Telekom, Erste Bank, Keba, SPAR ICS, Umdasch und Vienna Insurance Group – sieben österreichische Leitunternehmen aus sieben Branchen.